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Zeitzeugengespräch am Freiwilligen-Abend

Zeitzeugengespräch am Freiwilligen-Abend

Bushueva 1937 copy Vor ungefähr 15 anwesenden Freiwilligen erzählte Angelina Wladimirowna, wie ihr ganzes Leben wurde durch die politischen Repression geprägt, nicht nur dadurch das sie ihren Vater verlor, sondern auch weil als Tochter eines "Vaterlandsverräters" immer wieder diskriminiert wurde. Heute engagiert sie sich bei Memorial um andere Opfer der Repression zu unterstützen.

 

Für mich als deutschen Freiwilligen, der im "Sozialen Betreungsdienst" von Memorial arbeitet und dort mit anderen Opfern politischer Verfolgung arbeitet, war es sehr interessant, Angelinas Geschichte zu erfahren. Wegen der Sprachbarriere habe ich bis jetzt noch relativ wenig über die Schicksal derjenigen Menschen erfahren, die ich betreue. Deshalb bot das Zeitzeugengespräch einen spannenden und bewegenden Einblick in die Geschichte der politischen Verfolgung in der Sowjetunion.

 

Die Freiwilligen von Youth Memorial, sowohl Russen als auch Ausländer, treffen sich jeden Donnerstag zum "Freiwilligen-Abend". Bei diesem Treffen werden zum Beispiel Vorträge gehalten oder Filme geschaut und natürlich lebhaft diskutiert. Für die internationalen Freiwilligen ist es außerdem einen gute Gelegenheit, Kontakte mit einheimischen Freiwilligen zu knüpfen.

 

Angelina Wladimirowna Buschuewas Geschichte kann hier noch einmal ausführlich nachgelesen werden.

 

          Tochter eines Vaterlandsverräters

 

Von Philipp Remde

 

Sie hatten immer gehofft, dass der Vater eines Tages zurück kommt. Oder das er wenigstens irgendwo überlebt hätte, vielleicht mit einer neuen Familie. Doch Angelina Wladimirowna Buschuewas Vater kehrte nie zurück, er verschwand während des großen Terrors der Jahre 1937/38 in den Mühlen des NKWD-Apparats.

Angelina Wladimirowna war zwei Jahre alt, als ihr Vater, Ingenieur in einer Werft in Perm, verhaftet wurde. Er kam gerade vom Mittagessen, als Milizionäre erschienen und ihn, gemeinsam mit einigen Kollegen, mitnahmen. Ihm wurden „Terrorismus“ und „Vaterlandsverrat und antisowjetische Propaganda“, vorgeworfen. Er sollte für den Untergang von Schiffen verantwortlich sein.

Angelinas Mutter, eine Buchhalterin, fand zu Hause eine große Unordnung vor, die NKWD-Leute hatten nach Beweisen für die „Antisowjetische Tätigkeit“ des Vaters gesucht. Die Mutter suchte daraufhin die Gefängnisse der Stadt nach ihrem Mann ab und wurde dabei von einer Behörde zur nächsten geschickt. Auch ein Ermittler, mit dem sie bekannt war, wollte ihr nicht helfen. Nur durch einen Zufall gelang es ihr schließlich, ihren Mann noch einmal zu sehen. Er stand am Fenster seiner Zelle, so das ein kurzes Gespräch möglich wurde. Später schickte er noch einen Zettel, in dem er seine Frau aufforderte, zu seinen Eltern nach Otschor zu gehen, wenn er nicht zurückkommen sollte.

 

Urteil über die ganze Familie

Anfangs hatte die Familie noch gehofft, der Vater würde nach kurzer Zeit wieder entlassen. So war es schon 1933 passiert, als er für ein Jahr inhaftiert wurde, dann aber wegen seines schlechten Gesundheitszustandes – er litt an Rheuma - entlassen wurde. Doch dieses mal, 1937, sollte der Vater nicht zurückkehren.

Obwohl er nicht als Täter, sondern nur als Mitwisser einer Terrorgruppe angeklagt wurde, verurteilte das Gericht ihn nach Artikel 58 des sowjetischen Strafgesetzbuches, dem sogenannten „politischen“ Artikel, zum Tode durch Erschießen. Außerdem sollte sein gesamter Besitz beschlagnahmt werden. Von diesem Urteil und dem weiteren Schicksal des Vaters erfuhr die Familie nichts.

Auch die Familie muss für den angeblichen „Verrat“ des Vaters büßen. Angelinas Mutter wird auf einer Gewerkschaftsversammlung verkündet, dass sie als Ehefrau eines 12km_2004_05 copy Vaterlandsverräters nicht mehr in der vom Betrieb gestellten Wohnung leben darf. Ihr gesamter Besitz geht verloren, als der Schuppen abbrennt, in dem sie nach dem Auszug alles untergestellt hat. Im Feuer werden auch alle Fotos des Vaters zerstört.

Dann wird die Mutter zu einem Termin zu einer Behörde bestellt und dort ebenfalls verhaftet. Zusammen mit ihrem gerade geborenen Sohn wird sie in das „Lager für die Frauen von Vaterlandsverrätern“ (ALGIR) in die Steppe Kasachstans deportiert. Die zweijährige Angelina und ihre ein Jahr jüngere Schwester bleiben in einem Waisenhaus in Perm zurück.

Zwischen all dem Unglück trifft die Familie jedoch auch hin und wieder auf Gesten der Mitmenschlichkeit. So erhält die Mutter auf der langen Reise nach Kasachstan von hilfsbereiten Menschen Essen und Kleidung für ihr Kind. In Perm machen sich die Verwandten der Familie auf die Suche nach den Schwestern. Nachdem ihre Großmutter zwei Jahre vergeblich die Waisenhäuser der Region abgesucht hat, werden die beiden Mädchen schließlich bei einem Ausflug am Ufer der Kama erkannt. Es ist ihr Cousin und früherer Spielkamerad, der sie unter den Waisenkindern erkennt.

Zwar geht es den Kindern bei ihren Verwandten besser als im Waisenhaus, aber nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion verschlechtert sich die Lage in Perm zusehends. Zwar liegt Perm im Hinterland weit von der Front entfernt, aber Nahrungsmittel und Gebrauchsgüter wie Seife sind kaum noch zu bekommen, vor den Geschäften sind lange Schlangen, in der Stadt herrscht Hunger. Die Situation wird so katastrophal, dass die Verwandten entscheiden, die Kinder zu ihrer Mutter ins Lager nach Kasachstan zu schicken, denn dort herrschen bessere Bedingungen als in Perm. Im Lager war, im Gegensatz zur Stadt, zumindest eine minimale Nahrungsversorgung gesichert. Zuerst werden die Kinder darum wieder in das Waisenhaus gegeben, wohin die Mutter inzwischen Briefe schreiben darf, dann werden sie zu ihrer Mutter geschickt.

Als sie ihre Mutter wiedersehen, sind die Spuren des Lagerlebens deutlich sichtbar. Die Kinder erkennen sie in ihrer Häftlingskleidung kaum wieder. Auch ihr kleiner Bruder erkennt seine Geschwister nicht, muss sich erst langsam daran gewöhnen, das er zwei Schwestern hat.

 

Die Entlassung ist nicht das Ende der Repression

Nach dem Ende des zweiten Weltkrieges wird die Familie schließlich aus dem Lager entlassen. Obwohl es ihnen verboten ist, sich in größeren Städten anzusiedeln, kehren sie 1946 nach Perm zurück. Auch nach Ende des Krieges herrschen Hunger und Mangelwirtschaft, besonders für eine „Frau eines Vaterlandsverräters“. Armut und soziale Isolation prägen ihr Leben. Zwei Jahre später werden sie aus Perm in ein Dorf umgesiedelt.

Bei den Geschwistern hat die Kindheit in Waisenhaus und Arbeitslager Folgen. Der Bruder hat bis zu seiner Einschulung noch nie ein Buch gesehen, Angelina traut sich nicht, bei der Bewerbung für ein Studium den Fragebogen über ihre Eltern auszufüllen, wenn andere Kinder in der Schule über ihre Väter reden, können sie nur schweigen. Angelinas kleine Schwester plant schon ihre Hochzeit, als sich ihr zukünftiger Bräutigam von ihr lossagt, weil die Hochzeit mit der Tochter eines „Vaterlandsverräters“ das Ende seiner Karriere bedeuten würde.

Den Kindern von „Verrätern“ stehen nur zwei Studienrichtungen zur Wahl, für die keine Formulare über die Eltern ausgefüllt werden müssen: Entweder Medizin oder Pädagogik. Angelina entscheidet sich dafür, Pädagogik zu studieren, nicht ohne sich zu wundern, warum der sowjetische Staat seinen „Feinden“ ausgerechnet seine Kinder und seine Kranken anvertraut.

 

Entschädigung und Rehabilitation aber keine Entschuldigung

Nach dem Beginn der Entstalinisierung wird der Vater 1957 rehabilitiert und der Familie eine kleine Entschädigung ausgezahlt, von der sich jedes Familienmitglied einen Wintermantel kaufen kann. Erst mit dem Brief über die Rehabilitierung erfährt die Familie vom Todesurteil, dass über den Vater verhängt wurde. Trotzdem gibt die Mutter bis 1992 die Hoffnung nicht auf, der Vater könnte irgendwie doch noch überlebt haben.

Als Ende der achtziger Jahre in der Sowjetunion ein politisches Tauwetter einsetzt, nimmt Angelina Wladimirowna an ersten Treffen der politisch Verfolgten teil. Zum ersten mal Treffen sich „Kriminelle“ und „Verräter“ aus dem Gebiet Perm 1987 in der pädagogischen Universität. Zwei Jahre später wird die Gesellschaft Memorial als Vereinigung der Opfer der politischen Repression gegründet. Angelina Wladimirowna wird die Koordinatorin der Organisation im Permer Sverdlovski-Bezirk. Ihre Lebensgeschichte findet auch Eingang in das Buch „The Whisperers – Private Life in Stalins Russia“. Das Bild auf dem Umschlag zeigt Angelina mit ihrer kleinen Schwester.

Angelinas Mutter erhält 1990 einen Veteranen-Ausweis und damit einige Vergünstigungen als  Entschädigung für das erlittene Unrecht. Auf Anregung von anderen Verfolgten beginnt sie, ihre Lebensgeschichte aufzuschreiben.

Ihr Sohn, der zum Ermittler der Miliz aufgestiegen ist, schafft es, sich die Akten über seinen Vater vom Fnagr_Bushuevoi 16.12.03 copySB, der Nachfolgeorganisation von NKWD und KGB, zu beschaffen. Darin befindet sich ein vom Vater unterzeichnetes Dokument, in dem er sich mit seinem Todesurteil einverstanden erklärt, sowie Dokumente, in denen er zahlreiche Kollegen in der Werft denunziert. Angelina hält die Unterschrift auf unter diesen Aussagen jedoch für eine Fälschung, sie kann sich nicht vorstellen, dass ihr Vater zu so etwas fähig gewesen wäre.

Für sie steht fest, wer Schuld an all dem, am Tod des Vaters und der Lagerhaft von Mutter und Kindern ist: „Stalin ist schuld!“ Eine Erkenntnis, zu der viele andere niemals gelangten. So verehrte Angelinas Großmutter Stalin glühend und starb 1955 ohne jemals die Wahrheit zu erfahren.

Fast 60 Jahre nach Stalins Großen Terror wurden beim Bau einer Straße nahe Jekaterinburg Massen von Knochen entdeckt. Hier, in einem Sumpf, befand sich eine Hirnrichtungsstätte, hier hatten die NKWD-Erschießungskommandos ihre Opfer verscharrt. Unter den Menschen, die hier 1938 ermordet wurden, ist auch Angelinas Vater. Mit ihm werden an diesem Tag noch eintausend weitere „Verräter“ hingerichtet. Heute befindet sich an dieser Stelle ein Mahnmal, das Angelina Wladimirowna jedes Frühjahr besucht. Auf eine offizielle Entschuldigung der Regierung wartet sie bis heute.

(Angelina Wladimirowna Buschuewa war letzte Woche zu Gast beim Freiwilligen-Treffen von Memorial. Mein Dank gilt Angelina Wladimirowna dafür, das sie bereit war, uns ihre Geschichte zu erzählen, und Nadia dafür, das sie die Geschichte für mich übersetzt hat.)

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млмдрмд (вст) 9 ноября 2010 - 16:08
ой а что это ?
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(вст) 9 ноября 2010 - 18:55
Это статья нашего немецкого волонтера о встрече с Ангелиной Владимировной Бушуевой, ее отец был расстрелян в ходе Большого Террора 1937-38 годов. Статья написана больше для наших немецких коллег.
http://pmem.ru/index.php?mode=terror/byshyeva
Здесь Вы можете почитать ее воспоминания на русском языке.

Как Ваши успехи в поисках родственников?
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млмдрмд (вст) 9 ноября 2010 - 21:48
спасибо , пока никак
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